Gedichte
Teilnehmer
Ich habe den letzten Abschied gesehen
Ich habe den letzten Abschied gesehen: Ich werde Abschied nehmen von einem Reim
aus Holz,
Ich werde emporgehoben werden von Männerhänden, werde emporgehoben werden
von Frauenaugen,.
Ich werde in eine Fahne eingehüllt werden, und meine Stimme wird auf Kassetten
gespeichert werden.
Man wird mir in einer Stunde all meine Sünden vergeben, dann werden die Dichter
mich schmähen.
Mehr als ein Leser wird sich erinnern, dass ich allnächtlich in seinem Hause wachte.
Ein Mädchen wird kommen und behaupten, dass ich sie vor einigen zwanzig Jahren
geheiratet habe.
Man wird Legenden um mich weben und um die Muscheln, die ich an fernen Meeren
gesammelt habe.
Meine Freundin wird nach einem neuen Liebhaber Ausschau halten, den sie in ihrer
Trauerkleidung verstecken wird.
Ich werde die Schlange des Leichenzugs und die des Wartens müden Passanten
sehen.
Doch ich sehe noch nicht das Grab. Gibt es etwa kein Grab für mich nach all dieser
Mühsal?
Übersetzer: Khalid al-Maaly und Heribert Becker (2002)
Ich bin Joseph, mein Vater (1986)
Wir haben ein Land aus Worten © 2002 by Ammann Verlag & Co., Zürich. Mit freundlicher Genehmigung des Verlages.
Ich bin Joseph, mein Vater. Vater, meine Brüder lieben mich nicht. Sie dulden mich
nicht unter sich, Vater. Sie sind mir feind und werfen mit Steinen und Worten nach
mir. Sie wollen, dass ich sterbe, damit sie mich loben können. Sie verriegelten die
Tür deines Hauses vor mir. Sie vertrieben mich vom Feld. Vater, sie haben meine
Trauben vergiftet. Und sie haben mein Spielzeug kaputtgemacht, Vater. Als sie
sahen, wie der Wind mit meinem Haar spielte, wurden sie eifersüchtig und lehnten
sich auf gegen mich und gegen dich. Aber was habe ich ihnen getan, Vater? Die
Schmetterlinge ließen sich auf meinen Schultern nieder, die Ähren verneigten sich
vor mir, und ein Vogel landete auf meiner Hand. Was habe ich getan, Vater, und
warum ich? Du hast mich Joseph genannt, und sie warfen mich in den Brunnen und
gaben dem Wolf die Schuld. Doch der Wolf ist barmherziger als meine Brüder, o
Vater. Habe ich jemandem unrecht getan, als ich sagte, ich habe elf Sterne gesehen,
und die Sonne und den Mond, habe gesehen, wie sie sich vor mir verbeugten?
Übersetzer: Stefan Weidner (2002)
Ein Liebender aus Palästina
Deine Augen sind wie Dornen im Herzen,
sie verletzen, und doch bete ich sie an.
Ich hüte sie vor dem Wind,
bewahre sie vor Nacht und Leid, ich beschütze sie.
Ihre Wunden bringen Lampen zum Leuchten
und geben meiner Gegenwart Zukunft,
sind mir teurer als die Seele.
Und ich vergesse mit der Zeit,
wenn unsere Augen sich treffen,
dass wir einst zu zweit hinter einer Tür waren.
Deine Worte waren wie ein Lied,
ich wollte es singen,
aber die Not lastet auf den Frühlingslippen zu schwer.
Deine Worte waren wie Schwalben,
die aus meinem Haus flogen.
Auch die Tür wanderte aus,
und zurück blieb nur eine herbstliche Schwelle,
nach der ich mich sehne.
Unsere Spiegel sind zerbrochen,
und tausendfach wurde unsere Traurigkeit.
Wir sammelten die verstreuten Töne
und gedachten der Heimat nur in Klageliedern.
Lasst uns gemeinsam ihren Namen
in das Herz der Gitarre pflanzen.
Auf den Dächern unseres Unglücks wollen wir ihn spielen
für den verunstalteten Mond und die Steine.
Aber ich vergaß, vergaß,
ihr Name ist unbekannt.
Ließ sein Verschwinden die Gitarre verstummen
oder mein Schweigen?
Gestern habe ich dich am Hafen gesehen,
abreisen ohne Verwandte, ohne Proviant.
Ich rannte zu dir wie eine Waise,
und befragte die gelehrten Alten:
Warum schleppt man die grünen Haine
Ins Gefängnis, ins Exil, zum Hafen,
und sie bleiben
trotz der Strapazen, des Salzgeschmacks und der Sehnsucht,
immer grün?
Ich schreibe in mein Tagebuch:
Ich liebe die Apfelsinen und hasse den Hafen.
Und ich ergänze in meinem Tagebuch:
Ich stand am Hafen, und die Welt hatte Winteraugen.
Uns bleiben die Apfelsinenschalen
und hinter uns nur die Wüste.
Ich habe dich in den dornigen Bergen gesehen,
eine Schäferin ohne Schafe,
verfolgt, inmitten von Trümmern.
Du warst mein Garten,
und ich war fremd im Haus.
Ich klopfte an die Tür, du mein Herz.
Auf meinem Herzen
lasten Tür, Fenster, Zement und Steine.
Ich habe dich in den Wassertrögen gesehen,
geknickt im Weizenfeld.
Ich habe dich als Kellnerin in Nachtlokalen gesehen
und in Tränen und Wunden.
Du, die zweite Lunge in meiner Brust,
du, die Stimme auf meinen Lippen,
du, das Wasser,
du, das Feuer.
Ich habe dich im Eingang zur Höhle gesehen,
als du die Kleider deiner Waisen auf eine Leine hingst.
Ich habe dich an den Feuerstellen gesehen,
auf Straßen,
in Ställen,
und in der Sonne Blut.
Ich habe dich in den Liedern der Einsamkeit gesehen
und des Elends.
Ich habe dich im Sand und im Meersalz gesehen,
und du warst schön wie die Erde … wie die Kinder …
wie Jasmin!
Und ich spüre,
ich werde ein Tuch weben aus meinen Wimpern,
um darauf Gedichte zu schreiben für deine Augen.
Und einen Namen will ich begießen mit einem Herz,
geschmolzen in Gesängen,
bis er sich wölbt zur Rebenlaube.
Und einen Satz werde ich schreiben,
teurer als Märtyrer und süßer als Wein:
"Sie war eine Palästenserin
Und wird es immer bleiben."
Eine stürmische Nacht.
Ich öffnete Fenster und Türen
zum versteinerten Mond.
Und ich sprach zu meiner Nacht:
Geh!
Hinter Nacht und Zaun habe ich ein Stelldichein.
Du bist mein jungfräulicher Garten,
weil unsere Lieder gezückten Schwertern gleichen.
Und weil du beständig bist wie ein Weizenkorn,
werden unsere Lieder die Erde nähren.
In meiner Erinnerung gleichst du einer Dattelpalme,
nie geknickt durch Sturm oder Holzfällerhand.
Auch die wilden Tiere aus Wüste und Busch
konnten deine grünen Zöpfe nicht abreißen.
Doch ich bin verbannt hinter Zaun und Tür.
Behalte mich in deinen Augen.
Nimm mich mit, wo immer du bist.
Nimm mich mit, wie immer du bist.
Gib meinem Gesicht und Körper die Farbe wieder
und das Licht des Herzens und der Augen.
Gib mir wieder das Salz des Brotes und die Melodien!
Gib mir wieder den Geschmack der Erde!
Gib mir wieder die Heimat!
Behalte mich in deinen Augen.
Behalte mich wie ein Bild
in der Hütte meines Kummers.
Behalte mich wie einen Vers
aus der Heiligen Schrift.
Behalte mich als Spielzeug,
als Stein vom Haus,
damit kommende Generationen
den Weg zurück nach Hause finden!
Palästinensisch ihre Augen und Tätowierung,
palästinensisch ihr Name,
palästinensisch ihre Träume und Sorgen.
Palästinensisch ihr Tuch,
ihr Gang und ihr Körper.
Palästinensisch ihre Worte und ihr Schweigen,
Palästinensisch ihre Stimme,
palästinensisch von Geburt bis zum Tod.
Ich habe dich eingetragen in meine alten Hefte.
Feuer meiner Gedichte.
Mein Reiseproviant.
In deinem Namen schrie ich in die Täler:
Die Pferde der Byzantiner,
ich kenne sie,
auch wenn sich die Schlachtfelder ändern!
Gib acht!
Gib acht auf den Blitz,
er schlägt mein Lied wie Feuer aus dem Stein.
Ich bin der Stolz der jungen Männer
und der Ritter aller Ritter.
Ich zerschmettere die Götzen,
ich säe an der syrischen Grenze
Gedichte, aus denen der Adler aufsteigt.
In deinem Namen schrei ich dem Feind entgegen:
Fresst mein Fleisch, Würmer,
wenn ich schlafe.
Ameiseneiern entschlüpfen keine Adler,
und das Ei der Schlange
birgt in sich nur eine Schlange.
Ich kenne die Pferde der Byzantiner,
und eines weiß ich schon längst:
Ich bin der Stolz der jungen Männer
und der Ritter aller Ritter.
ÜbersetzerIn: Johanna und Moustapha Haikal (1979)
Eine Liebesgeschichte
Ach, komm her… rück näher zu mir. Bleibe bei mir, bis ich aus dem Schlummer der Wollust erwache.
Entferne dich ein bisschen, nur ein kleines bisschen, damit sich der Traum von meinen Knochen lösen kann.
Ich habe dir das Rauchen beigebracht und du mir, den Rauchwolken nachzujagen.
Ach, komm her… rück näher zu mir!
- Und was hast du ihr noch gesagt?
Ich habe ihr nicht von der Liebe erzählt. Sie konnte meine Worte nicht begreifen. Auch ich verstand sie
erst, als sie schlief. Sie sang so oft, sie sang so schön.
Doch ihren Gesang verstand ich nur im Traum.
Ach, sie ist so schön… so schön, sage ich dir.
Als ich sie zum ersten Mal erblickte, vernebelte sich mein Gehirn.
Ich entführte sie in das Haus. Ich sagte zu ihr:
Betrachte dies als Liebe.
Sie lachte. Sie lachte in den dunkelsten Stunden.
Ich gab ihr einen Kosenamen, weil er schöner war.
Ich küsste sie. Ich küsste sie immer wieder.
Und zwischen dem einen Kuss und dem nächsten, sehnte ich mich nach ihr, und ich fühlte, sie würde mir
entgleiten, wenn ich nur einen Augenblick aufhören würde, sie zu küssen.
Zwischen Sand und Meer sagte sie: Ich liebe dich.
Zwischen Begierde und Qual sagte ich: Ich liebe dich.
Und als der Offizier sie fragte, was sie hier täte, antwortete sie:
Was geht dich das an? Wer bist du?
Sie antwortete: Ich bin seine Geliebte. Ich bin mit ihm zum Gefängnistor gekommen, um von ihm Abschied zu
nehmen. Ihr Mörder, was habt ihr mit ihm vor?
Er warnte sie: Sieh dich vor, ich bin Offizier.
Darauf sagte sie: Im nächsten Jahr bin ich auch Offizier.
Und sie zeigte ihren Einberufungsbefehl vor.
Da salutierte er lächelnd vor ihr, mich zog am Arm ins Gefängnis.
Im nächsten Jahr gab es Krieg. Ich kehrte wieder in meine Zelle zurück und dachte an sie.
Was wird sie jetzt wohl tun? Gehört sie in Nablus oder anderswo zu den Eroberern?
Trägt sie vielleicht ein Gewehr?
Oder befiehlt sie jetzt vielleicht Männern, sich an die Wand zu stellen oder vor ihr auf dem Boden zu knien?
Oder ist sie jetzt gerade dabei, ein arabisches Mädchen, jung wie sie und so schön, wie sie einmal war, zu
verhören oder gar zu foltern?
Sie sagte nicht adieu, sie sagte nicht auf Wiedersehen.
Und du sagtest nicht: Ach, komm her… rück näher zu mir.
Du hast ihr das Rauchen beigebracht, und sie dir, den Rauchwolken nachzujagen.
Übersetzer: Farouk S. Beydoun (1978)
… wenn er fortgeht (1995)
c (copyright) Verlag Hans Schiler, Berlin 2004, aus dem Gedichtband "Warum hast du das Pferd allein gelassen"
Der Feind, der Tee trinkt in unserer Hütte,
hat ein Pferd im Rauch. Und eine Tochter
mit dichten Brauen und braunen Augen, mit Haaren,
lang wie die Nacht der Lieder, bis auf die Schultern. Ihr Bild
trennt sich nicht von ihm, sooft er zu uns kommt, um
Tee zu verlangen.
Er aber
erzählt uns weder von ihren Sorgen am Abend noch von
einem Pferd, das die Lieder auf der Kuppe des Hügels beließen.
… in unserer Hütte erholt sich der Feind vom Gewehr,
legt es ab auf dem Stuhl meines Großvaters und isst von unserem Brot
wie ein Gast. Er nickt kurz ein auf
dem Bambussessel. Er liebkost das Fell
unserer Katze. Und immer sagt er zu uns:
Tadelt doch nicht das Opfer!
Wir fragen ihn: Wer soll das sein?
Und er erwidert: Blut, das die Nacht nicht trocknet.
… die Knöpfe seiner Jacke glänzen, wenn er fortgeht.
Noch einen schönen Abend! Grüß unsern Brunnen
und den Feigenhain. Geh langsam über
unsern Schatten im Gerstenfeld. Grüß unsre Zypressen
auf den Höhen. Lass das Haustor nicht offen
des Nachts. Vergiss nicht,
dass das Pferd vor Flugzeugen scheut. Und grüße uns dort, wenn Zeit ist…
Diese Worte sprächen wir gern
an der Tür… Er hört sie genau,
deckt sie zu mit eiligem Husten
und wirft sie zur Seite.
Warum dann besucht er das Opfer an jedem Abend?
Kennt unsre Sprüche wie wir
singt genau unsre Lieder
zur selben Zeit wie wir am geheiligten Ort?
Wäre nicht der Revolver,
so mischte sich Flöte mit Flöte…
… der Krieg wird nicht enden, solange die Erde
bei uns um sich selbst kreist!
Also seien wir freundlich! Er bat uns stets,
hier freundlich zu sein, und rezitiert das Gedicht
des Fliegers von Yeats: Ich liebe nicht, die
ich verteidige noch bin ich feind
denen, die ich bekriege.
Dann tritt er aus unserer Holzhütte
und geht 80 Meter zu
unserem Steinhaus, dort am Rande der Ebene …
Übersetzerin: Christine Battermann (2004)
… Denk an den Anderen (2005)
Denk an den Andern
Wenn du dein Frühstück bereitest, denk an den Andern
und vergiss nicht das Futter der Tauben.
Wenn du in deine Kriege ziehst, denk an den Andern
und vergiss nicht jene, die Frieden fordern.
Wenn du deine Wasserrechnung begleichst, denk an die Andern,
die ihr Wasser aus den Wolken saugen müssen.
Wenn du zu deinem Hause zurückkehrst, deinem Hause, denk an den
Andern und vergiss nicht das Volk in den Zelten.
Wenn du schlafen willst und die Sterne zählst, denk an den Andern,
der hat keinen Raum zum Schlafen.
Wenn du dich mit Wortspielen befreist, denk an den Andern
und denk an jene, die die Freiheit der Rede verloren.
Wenn du an die Anderen in der Ferne denkst, denke an dich,
und sage : wäre ich doch eine Kerze im Dunkeln.
Übersetzer: : Hakam Abd al-Hadi (2004)
… Der dritte Psalm (1972)
Am Tage da meine Worte
Erde waren
War ich ein Freund der Ähren
Am Tage da meine Worte
Zorn waren
War ich ein Freund der Ketten
Am Tage da meine Worte
Ein Stein waren
War ich ein Freund der Bäche
Am Tage da meine Worte
Revolution waren
War ich ein Freund der Erdbeben
Am Tage da meine Worte
Bittere Kolloquinthen waren
War ich der Freund des Optimisten
Als meine Worte
Honig wurden
Bedeckten Fliegen
Meine Lippen
Übersetzerin: : Claudia Ott (1998)
… Nichts gefällt mir (2002)
Nichts gefällt mir,
sagt ein Reisender im Bus, weder das Radioprogramm
noch die Morgenzeitung
noch die Festungen auf den Hügeln.
Weinen will ich…
Der Fahrer sagt: Warte noch die nächste Haltestelle ab
Alleine kannst du dann weinen, soviel du willst…
Eine Frau sagt: Auch mir gefällt nichts
Als ich meinen Sohn an mein Grab führte
hat es ihm so gut gefallen, dass er eingeschlafen ist
ohne ein Wort des Abschieds…
Der Akademiker sagt: Mir gefällt auch
nichts. Archäologie hab' ich studiert, doch fand ich
keine Identität im Stein. Bin ich
wirklich ich?
Und der Soldat sagt: Auch mir, auch mir gefällt
hier nichts. Immerzu belagere ich ein Gespenst
das mich belagert…
Da sagt der genervte Fahrer: Gleich
haben wir die Endstation erreicht, macht euch bereit zum Ausstieg…
Doch alle rufen: Wir wollen an den Ort, der hinter dieser Haltestelle liegt
Fahr weiter!
Ich aber sage: Hier lass mich aussteigen. Wie euch
gefällt mir nichts, doch bin ich
des Reisens müde.
Übersetzer: : Stephan Milich (2008)
… Wir verreisen wie Menschen (1986)
Wir verreisen wie Menschen, doch kehren zu nichts zurück…
als ob die Reise
der Weg der Wolken wäre. Wir haben unsere Lieben im Schatten
der Wolken und in den Stämmen der Bäume vergraben
und zu unseren Frauen gesagt: Gebärt uns hundert Jahre,
damit wir diese Reise vollenden können,
hin zu einer Stunde Heimat und einem Meter Unmöglichkeit.
Wir reisen in den Kutschen der Psalmen, ruhen im Zelt der Propheten,
und entsteigen den Worten der Zigeuner.
Wir durchmessen das All mit dem Schnabel eines Wiedehopfs
oder singen, um die Entfernung zu vergessen,
und waschen das Licht des Mondes.
Weit ist dein Weg, so träume von sieben Frauen, um diesen weiten Weg
tragen zu können -
auf deinen Schultern. Schüttle für sie die Palmen,
um ihren Namen zu erfahren und von welcher Mutter
der Sohn Galiläas geboren wird.
Wir haben ein Land aus Worten. Sprich, sprich, damit ich meinen Weg
auf einen Stein aus Stein gründen kann.
Wir haben ein Land aus Worten. Sprich, sprich, damit wir das Ende
dieser Reise erfahren!
Übersetzerin: : Evelyn Agbaria
… Er ist ruhig, ich auch (2003)
c (copyright) A1 Verlag, München 2004, aus dem Gedichtband "Wo du warst und wo du bist"
Er ist ruhig
Ich auch
Er trinkt seinen Tee mit Zitrone
Ich trinke meinen Kaffee
(Das unterscheidet uns)
Er trägt wie ich ein weites kariertes Hemd
Ich blättere wie er in einer Monatszeitschrift
Er sieht mich nicht, wenn ich ihn heimlich beobachte
Ich sehe ihn nicht, wenn er mich beobachtet
Er ist ruhig
Ich auch
Er sagt etwas zum Kellner
Ich sage zum Kellner etwas
Eine schwarze Katze läuft zwischen ihm und mir
Ich streichle den Pelz ihrer dunklen Nacht
Er streichelt ihres Pelzes dunkle Nacht
Ich sage ihm nicht: Der Himmel ist heute klar und blau
Er sagt mir nicht: Der Himmel ist heute blau und klar
Er ist Spiegel und Blick
Blick und Spiegel bin ich
Ich bewege mein linkes Bein
Er bewegt sein rechtes Bein
Ich summe eine Melodie
Er summt ein ähnliches Lied
Ich denke: Ist er der Spiegel, in dem ich mich erblicke?
Dann schaue ich nach seinen Augen, aber
Ich sehe ihn nicht
Eilig verlasse ich das Café
Ich denke: Vielleicht ist er ein Mörder oder jemand
Der mich für einen Mörder hält
Er hat Angst
Ich auch
Übersetzer: Adel Karasholi (2004)
… O meines Großvaters Antlitz! (nach 1982)
O meines Großvaters Antlitz! O Prophet, niemals lächelnd!
Aus welchem Grabe kamst du
in einer Weste, gefärbt wie uraltes Blut am Felsen,
einem Mantel, wie eine Grube gefärbt?
Traurigkeit eines Feldes, das da trägt dürre Knochen,
Olivenbäume
und uralten müden Wind
Aus welchem Grabe kamst du zu mir, dass du versteinern
Lässest
dein Kind?
Gott ist groß! Nein! Niemals verkaufte ich eine Spanne
Vom Land
und nie beugte ich mich einem Druck!
Ja, jene tanzten und sangen auf deinem Grabe…
Doch schlafe du, schlafe doch:
Wach bin ich - ich bin wach - wach - bis zum Tode noch!
Übersetzerin: Annemarie Schimmel
… Wir lieben das Leben (nach 1982)
Und doch, wir lieben das Leben,
wenn wir nur fähig sind, hinzugelangen.
Wir tanzen zwischen Märtyrertod und Märtyrertod,
errichten ein Minarett für das duftende Veilchen
zwischen den Gräbern
oder pflanzen dazwischen hochragende Palmen.
Wir lieben das Leben,
wenn wir nur fähig sind, hinzugelangen.
Wir stehlen der Seidenraupe den Faden,
zu bauen uns einen Himmel
als Baldachin für unseren Auszug.
Wir öffnen die Tore des Gartens,
dass auszieht Jasminduft hinaus in die Straßen,
den Tag zu verschönen.
Wir lieben das Leben,
wenn wir nur fähig sind, hinzugelangen.
Wir säen, wo immer wir lagern, schnellwachsende Pflanzen
Und ernten, wo immer wir lagern, nur Tote, Gefallene.
Wir geben der Flöte ein das Lied immer fernerer Fernen
und malen in die Erde des Wegs unsere zitternde Sehnsucht.
Wir ritzen unsere Namen in einen Stein nach dem andern.
Strahlender Blitz, erhell uns die Nacht,
erhell sie ein wenig!
Wir lieben das Leben,
wenn wir nur fähig sind, hinzugelangen.
Übersetzerin: Angelika Neuwirth