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Ich erinnere mich, um zu vergessen

aus: Lu Hsün: Der Einsturz der Lei-feng-Pagode
hgg. und übersetzt von Hans Christoph Buch und Wong May
Reinbek bei Hamburg, 1973, S. 129-138

1

In den letzten Jahren erfasste mich häufig ein Gefühl der Traurigkeit. Es lässt mich auch jetzt nicht los.
Ich will schon seit langem etwas zum Andenken an einige junge Schriftsteller schreiben. Ich hoffe, dass mir dieser Artikel helfen wird, die schwere Bürde abzuwerfen, aufzuleben und, schlicht gesagt, wenigstens oberflächlich zu vergessen.

Vor zwei Jahren wurden in diesen Stunden in der Nacht vom 7. zum 8. Februar (124) fünf unserer jungen Schriftsteller erschossen. Keine einzige Schanghaier Zeitung berichtete davon. Entweder wagte man es nicht, oder man wollte es nicht oder fand es nicht der Beachtung wert. Es erschien lediglich am 25. Mai in der elften Nummer der Literarischen Neuigkeiten ein sehr vorsichtiger, verhaltener Artikel unter der Überschrift ›Eindrücke von Pai Mang‹ (125), in dem der Verfasser schrieb:

»Pai Mang hat zahlreiche Gedichte geschrieben und eine Reihe von Gedichten des ungarischen Dichters Petöfi übersetzt. Lu Hsün, der damals Redakteur bei der Zeitschrift Der Strom war, erhielt sein Manuskript und lud ihn in einem Brief zu einer Unterhaltung ein. Doch der Dichter vermied Zusammenkünfte mit Berühmtheiten, worauf Lu Hsün ihn aufsuchte und ihn überredete, sich literarisch zu betätigen. Aber Pai Mang konnte sich der Arbeit im Studierzimmer noch nicht hingeben; er musste seinen Weg fortsetzen. Bald wurde er wieder verhaftet…«
Die Beziehungen zwischen Pai Mang und mir wurden in diesem Artikel nicht richtig dargestellt. Pai Mang war nicht so überzeugt von sich, dass er abgelehnt hätte, mich aufzusuchen, und er hatte auch nicht deshalb abgelehnt, weil ich eine persönliche Begegnung wünschte. Ich selbst bin auch nicht so hochmütig, dass ich einen Autor ohne Namen unüberlegt zu mir bitte. Unser Zusammenkommen hatte einen ganz einfachen Anlass. Pai Mang hatte mir das Manuskript seiner Übersetzung der Biographie Petöfis aus dem Deutschen geschickt, worauf ich ihn schriftlich bat, mir das Original dazu, das in Petöfis Gedichtsammlung enthalten war, zur Einsicht zu überlassen. Da es unbequem gewesen wäre, mir das Buch mit der Post zuzusenden, brachte er es selbst. Nach seinem Äußeren zu urteilen, war Pai Mang damals zwanzig Jahre alt. Er war von auffallend bräunlicher Gesichtsfarbe und hatte einen geraden, offenen Blick. Ich habe vergessen, worüber wir damals plauderten. Ich erinnere mich nur noch, dass er mir seinen Familiennamen – Hsü – nannte und hinzufügte, er stamme aus Hsiang-shan. Ich fragte ihn, wieso seine Frau, unter deren Namen er seine Post erhielt, einen so merkwürdigen Namen führe (was mir an dem Namen so merkwürdig schien, habe ich inzwischen auch vergessen), und er antwortete, der Name behage ihm auch nicht recht, sie sei aber romantisch veranlagt und habe eine Vorliebe für das Ungewöhnliche. Das ist alles, was in meinem Gedächtnis haftengeblieben ist.

Gleich in der Nacht verglich ich die Übersetzung flüchtig mit dem Original. Von den vereinzelten Fehlern war der eine beabsichtigt. Anscheinend sagte Pai Mang die Bezeichnung »Nationaldichter« nicht zu, und er hatte sie jedesmal durch »Volksdichter« ersetzt. Am folgenden Tag erhielt ich einen Brief von Pai Mang, in dem er bedauerte, dass er mit mir zusammengekommen sei. Er habe sehr viel gesprochen, ich dagegen wenig und ihn durch meine kühle Art eingeschüchtert. Ich beantwortete seinen Brief und setzte ihm auseinander, dass in einer ersten Unterhaltung immer Zurückhaltung vorwalte. Zugleich machte ich ihn darauf aufmerksam, dass es nicht anginge, den Wortlaut eines Originals nach eigenem Belieben zu ändern. Der Originalband, den er mir gebracht hatte, blieb bei mir, ich sandte ihm aus meiner Bibliothek zwei Sammelbände der Werke Petöfis und schlug ihm vor, daraus noch einige Gedichte für eine Zeitschrift zu übersetzen.
Pai Mang fertigte die Übersetzungen an und brachte sie mir selbst. Diesmal sprachen wir etwas mehr miteinander als beim ersten Besuch. Die Übersetzungen der Biographie und verschiedener Gedichte Petöfis erschienen im ›Strom‹ im fünften Teil des zweiten Bandes.

Soweit es mir erinnerlich ist, war es an dem Tag unserer dritten Zusammenkunft sehr heiß. Es pochte an die Tür, ich öffnete, es war Pai Mang. Er hatte einen langen, dickwattierten Rock an, und der Schweiß lief ihm über das Gesicht. Wir mussten beide lachen. Darauf erzählte er mir, er wäre Revolutionär und soeben aus dem Gefängnis entlassen worden. Bei der Festnahme habe man seine sämtliche Garderobe und alle Bücher, darunter auch die beiden, die ich ihm geschickt hatte, beschlagnahmt. Er habe nichts anderes anzuziehen gehabt als diesen langen, warmen Rock, den ihm ein Freund auch nur leihweise überlassen habe, und sei eben wohl oder übel zum Schwitzen verurteilt. Ich vermute, dass sich der Satz in dem Artikel über Pai Mang »Bald darauf wurde er wieder verhaftet…« auf diese Verhaftung bezog.

Ich war froh, dass Pai Mang wieder freigekommen war, und zahlte ihm sofort sein Honorar aus, damit er sich einkleiden konnte. Den Verlust meiner beiden Bücher hatte ich Mühe zu verwinden, waren diese Perlen, die der Geheimpolizei in die Hände gefallen waren, doch endgültig für mich verloren! Es waren zwei anspruchslos ausgestattete Bücher, ein Band Prosa und ein Band Gedichte. Der deutsche Übersetzer hatte angegeben, dass er die Titel selbst gesammelt hätte; es gäbe sogar in Ungarn, also im Vaterland des Verfassers, keine so lückenlose Sammlung. In Deutschland dagegen wäre es ein leichtes, eine solche Ausgabe in »Reclams Universal-Bibliothek« zu erwerben. Der Kaufpreis dafür betrug weniger als einen Yüan. Aber für mich waren diese beiden Bücher ein wahrer Schatz. Ich hatte Petöfi schon vor dreißig Jahren in mein Herz geschlossen und mir die Bücher aus Deutschland über den Verlag Marudsen kommen lassen. Lange Zeit hatte ich vermieden, darüber zu sprechen, weil ich befürchtete, dass man derart billige Bücher nicht bestellen dürfte. Später trug ich sie immer bei mir. Dann änderten sich die Verhältnisse; es erübrigte sich, sie zu übersetzen, und ich fand, dass es eine gute Verwendung wäre, sie diesem jungen Menschen zu überlassen, der von Petöfis Gedichten genauso hingerissen war wie ich selbst einstmals. Ich hatte Jou Shih (126) verpflichtet, sie Pai Mang persönlich zu übergeben. Ist es nicht ein Jammer, dass ihr Ende war, der Geheimpolizei in die Hände zu fallen?

2

Ich fordere keinen Schriftsteller auf, mich zu besuchen. Nicht aus Bescheidenheit, sondern weil ich nutzlosen Schwierigkeiten aus dem Wege gehen möchte. Die Erfahrungen vieler Jahre haben mich gelehrt, dass ein erheblicher Teil unserer Jugend, besonders der literarisch interessierten, auf alles sehr lebhaft reagiert und das Bewusstsein eigener Würde stark in ihr entwickelt ist, so dass die kleinste Unvorsichtigkeit bereits Missverständnisse auslösen kann. Ich vermeide daher bewusst, mit der Jugend zusammenzukommen, und verzichte immer häufiger darauf, ihr Aufträge irgendwelcher Art zu erteilen. In Shanghai brachte ich den Mut auf, mich mit einem jungen Mann in eine Unterhaltung einzulassen, ja sogar, ihm persönliche Aufträge zu erteilen. Ebendieser junge Mann war Jou Shih, der Pai Mang die beiden Bücher überbrachte. Ich weiß heute nicht mehr, wann und wo ich ihn zum erstenmal traf. Ich glaube mich zu erinnern, dass er mir erzählte, er hätte in Peking meine Vorlesungen gehört. Das wäre vor neun Jahren gewesen. Ebensowenig weiß ich, wie in Schanghai unsere Zusammenkünfte begannen. Mir ist nur noch seine Adresse gegenwärtig; er wohnte, fünf Häuser von mir entfernt, in der Chingyungasse. Schon bei unserm ersten Beisammensein nannte er mir seinen Familien- und seine beiden Rufnamen, Chao P`ing-fu.(127) Er schilderte mir, wie in seiner Heimat die Reichen und Vornehmen mit ihrer gesellschaftlichen Stellung prahlten. Als ein reicher Mann seine Rufnamen P`ing-fu gehört hätte, sei er so entzückt davon gewesen, dass er ihn seinen Sohn nennen wollte und Jou Shih bat, auf seinen Familiennamen Chao zu verzichten. Während Jou Shih mir das erzählte, wurde mir klar, dass in seinem Namen das »fu« ausgesprochene Zeichen »Glück« bedeutete, was dem Reichen so gut gefiel; aber für »Chao«, das Zeichen, mit dem »fu« in dem Rufnamen in Wirklichkeit geschrieben wurde, hatte er sicher kein Interesse. Jou Shih stammte aus einer in Ninghai im Bezirk Taichou ansässigen Sippe. Seine Herkunft verriet sich in der Beharrlichkeit, die für die aus dieser Gegend kommenden Menschen charakteristisch ist. Ihm war auch große Schüchternheit eigen, und seine ganze Art erinnerte mich an Fang Hsiao-ju (128).

Jou Shih arbeitete zu Hause. Er schrieb selbst und übersetzte. Lange Zeit hindurch trafen wir uns regelmäßig, unterhielten uns und stellten fest, dass wir in unseren Ansichten übereinstimmten. Schließlich beschlossen wir, zusammen mit mehreren anderen jungen Männern, die uns geistig nahestanden, einen Verlag »Morgenblüte« zu gründen, um uns die Möglichkeit zu schaffen, eine zahlreiche Leserschaft mit der Literatur Ost- und Nordeuropas und mit ausländischer Graphik bekannt zu machen. Wir hielten es alle für unerlässlich, auf unserm eigenen Boden eine schlichte und gesunde Literatur zu schaffen. Wir begannen in kurzer Zeit mit der Herausgabe der alle zehn Tage erscheinenden Zeitschrift Morgenblüte, in der wir eine Aussprache über ›Moderne Erzählungen der Welt‹ und ›Morgenblüten aus dem Garten der Kunst‹ brachten. Ein Buch, ›Ausgewählte Bilder des japanischen Oteiai‹ (129), gaben wir in einer besonderen Absicht heraus: Wir wollten den »Papiertiger« des »Künstlers« Yeh Ling-feng, eines Malers, der sich ursprünglich revolutionär betätigt hatte und dann zur Reaktion übergegangen war, tödlich treffen und ihn von der Sandbank Schanghai herunterspülen.

Jou Shih hatte kein Geld und verpflichtete sich, den Betrag von zweihundert Yüan für den Verlag zu erarbeiten. Er bekam so gut wie alle Arbeiten aufgehalst: Die Durchsicht eines großen Teils der Manuskripte, den Papiereinkauf, die Wege zu den Druckereien und das mühsame Beschaffen der Illustrationen und die Durchführung der Korrekturen. Oft genug nahm eine Sache keinen glatten Verlauf, und er berichtete stirnrunzelnd darüber. Seine Frühwerke waren durch und durch pessimistisch, aber den Glauben an die Menschen verlor er nicht. Ich erzählte ihm hin und wieder, wie die Menschen ihre Freunde verkaufen, wie sie anderen Menschen das Blut aussaugen. Dann rundeten sich seine Augen vor Verwunderung, und mit klarer Stirn erhob er Einspruch: »Wie ist so etwas möglich?« oder »Soweit darf es nicht kommen, nicht wahr?«

Der Verlag »Morgenblüte« wurde nach kurzer Zeit geschlossen. Ich möchte an dieser Stelle nicht über die Gründe dafür sprechen. Jou Shih trug die erste Beule davon. Natürlich hatte er seine ganze Energie an den Wind vergeudet und musste nun noch einhundert Yüan zur Bezahlung ausstehender Papierrechnungen aufbringen. Seine ablehnende Haltung gegenüber meinen Worten »Nehmt euch vor den Menschen in acht!« verschwand damals. Er ging soweit, mit einem tiefen Seufzer zu fragen: »Wie konnte das nur geschehen?« Aber seinen Glauben an die Menschen bewahrte er sich trotz allem. Eine Liste seiner Veröffentlichungen im Verlag »Morgenblüte« schickte er an die beiden Buchhandlungen »Morgen« und »Chinas Ruhm«; er hoffte, aus dem Verkauf wenigstens ein paar Yüan herauszuholen. Seine gesamte Arbeit galt Übersetzungen; mit den Honoraren dafür trug er die einhundert Yüan Papierschulden ab. Er machte Übersetzungen für den »Wirtschaftsverlag« und übertrug eine ›Sammlung dänischer Erzählungen‹ und Gorkijs Roman ›Das Werk der Artamonovs‹. Anscheinend sind die Manuskripte aber während der japanischen Invasion in Schanghai bei den großen Feuersbrünsten im Januar und Februar des vergangenen Jahres vernichtet worden.

Jou Shih überwand allmählich seine Schüchternheit. Mit der Zeit wurde er so unternehmungslustig, sich in Begleitung einiger Landsmänninnen, die allerdings drei bis vier Schritt Abstand von ihm wahrten, auf der Straße zu zeigen. Das hatte unliebsame Folgen. Sobald man hinter ihm oder auch rechts oder links von ihm ein hübsches junges Mädchen gewahrte, argwöhnte man sofort, sie sei seine Freundin. Mit mir ging er Seite an Seite, fasste sogar meinen Arm aus Unruhe, dass ich unter ein Auto oder eine Straßenbahn geraten könnte. Da er sehr kurzsichtig war, beunruhigte mich seine Unruhe, und so beunruhigten wir uns während des ganzen Weges gegenseitig. Daher ging ich nur mit ihm, wenn es unbedingt notwendig war. Ich merkte, wieviel Mühe es ihn kostete, und mich ermüdeten solche Spaziergänge allzusehr. Kam das Gespräch auf eine Sache, die sich für einen anderen nützlich, zugleich aber für Jou Shih unter Umständen nachteilig erweisen konnte, so übernahm er sofort, sie zu betreiben. Ob sie der »alten« oder der »neuen Moral« entsprach, überlegte er nicht.

Eines Tages teilte er mir mit, dass er sofort sein Schaffen sowohl in bezug auf die Form wie auch auf den Inhalt umstellen wolle. Ich brachte die Befürchtung vor, dass ihm dieses Vorhaben genauso schwerfallen könnte wie einem die Handhabung des Schwertes gewohnten Mann der Übergang zur Keule. Er antwortete kurz und bestimmt: »Man muss nur anfangen zu lernen!«

Und das blieben keine leeren Worte, Jou Shih setzte seinen Entschluss in die Tat um. Schließlich war er ein anderer geworden. An einem anderen Tag besuchte er mich mit seiner Freundin, der Schriftstellerin Feng K’eng (130), einer zerbrechlich wirkenden und unschönen Frau. Wir sprachen über lauter belanglose Dinge. Ich war der Schriftstellerin gegenüber ziemlich zurückhaltend, weil sie mir reichlich romantisch veranlagt und allzu begeistert für schnelle Erfolge zu sein schien. Mir kam auch die Vermutung, dass sich Jou Shih auf ihr Drängen hin entschlossen hatte, Romane zu schreiben. Dieser Entschluss Jou Shihs hatte eine wunde Stelle bei mir berührt, ich war zu träge, um Entschlüsse zu fassen, und ich ertappte mich dabei, dass ich diese Verärgerung über mich selbst unbeabsichtigt an Feng K’eng ausließ.

Ich verfügte über keinen Deut mehr Logik als unsere literarisch schaffende Jugend, mit der zusammenzukommen ich mich wegen ihrer übersteigerten Empfindlichkeit und krankhaften Eigenliebe scheute.

3

Bei der Gründung der »Liga linker Schriftsteller« hörte ich zum ersten Mal, dass der mir bekannte Pai Mang mit dem Yin-fu identisch war, der in der Verbandszeitschrift der Liga, dem Pionier, mehrere Gedichte veröffentlicht hatte. Ich nahm daher für ihn – lediglich zur praktischen Übung in der deutschen Sprache – in eine Sitzung der Liga die deutsche Übersetzung eines Buches mit, das ein amerikanischer Zeitungskorrespondent unter dem Titel ›Eine Reise durch China‹ veröffentlicht hatte. Aber Pai Mang kam nicht. Wiederum musste ich Jou Shih bitten, ihm das Buch zu bringen. Bald danach wurden sie alle verhaftet, und auch dieses Buch aus meinem persönlichen Besitz fiel der Geheimpolizei in die Hände.

4

Der Verlag »Morgen« wollte eine Zeitschrift herausgeben und trug Jou Shih den Redakteurposten dafür an. Jou Shih nahm das Angebot an. Der Verlag wollte auch von mir Übersetzungen veröffentlichen und beauftragte Jou Shih, mit mir die Bedingungen dafür zu vereinbaren. Ich schrieb den Vertrag ab, den ich mit dem Verlag Peihsin abgeschlossen hatte, und gab Jou Shih die Abschrift mit. Er steckte sie in die Tasche und ging fort. Das war am Abend des 16. Januar 1931. Mir war keinen Augenblick der Gedanke gekommen, dass wir zum letzten Mal zusammen gewesen waren. Wir wurden für immer voneinander getrennt!
Jou Shih wurde am folgenden Tag in einer Versammlung verhaftet. In seiner Tasche fand man meinen Vertrag! Sofort tauchten Gerüchte auf, dass die Polizei deswegen nach mir fahnde. Der Vertrag war ein gewöhnlicher Vertrag in der dafür üblichen Form, aber ich mochte nicht jenen düsteren Ort aufsuchen, um die Dinge zu erklären. Ich erinnere mich der Stelle in der vollständigen Lebensbeschreibung des berühmten Feldherrn aus dem Kampf gegen die Barbaren, Yüeh Fei (131), in der von einem weisen Mönch berichtet wird: »Als die Verfolger vor der Klosterpforte ankamen, stimmte dieser weise Mönch eine Art buddhistischer Hymne an,

›Ho Li ist vom Osten gekommen,
Ich aber gehe gen Westen!‹

Und im Sitzen starb er.«

Kein Schutzgeist kam. Für die Sklaven, die davon träumten, dem Meer des Leides zu entkommen, war das die allein mögliche Lösung. Nur dieser Weg stand ihnen offen.

Ich bin kein weiser Mönch. – Ich wollte nicht den Weg ins Jenseits einschlagen. Noch hing ich am Leben. Ich flüchtete.

Noch in der Nacht, die diesem Tag folgte, verbrannte ich alte Briefe von Freunden. Danach siedelte ich mit meiner Frau und dem Söhnchen in ein Hotel um. Überall schwirrten Gerüchte, ich sei verhaftet, ja sogar ermordet worden. Von Jou Shih hörte man so gut wie gar nichts. Die einen erzählten, die Polizei habe ihn in den Verlag »Morgen« geschleppt, um zu ermitteln, ob er Redakteur sei. Andere wollten wissen, dass man ihn in den Verlag Peihsin gebracht hätte, um dort herauszubekommen, ob er tatsächlich Jou Shih sei. Anscheinend hatte man ihm Handfesseln angelegt. Es hieß, er sei besonders schwerer Verbrechen beschuldigt, aber welcher, darüber verlautete nichts. Ich bekam zwei Briefe von ihm in die Hand, die er aus dem Gefängnis an seine Landsleute geschrieben hatte. Nachstehend der erste:

Gestern bin ich mit fünfunddreißig anderen Häftlingen, darunter sieben Frauen, in die Kommandantur Lung-Hua gebracht worden. Über Nacht wurden wir alle gefesselt. Das war das erste Mal, dass politischen Gefangenen Handschellen angelegt wurden. Ich hoffe, dass der Verlag Ersatz für mich hat. Fühle mich wohl und beschäftige mich, mit Yin-fu zusammen, mit der deutschen Sprache. Das kann man Herrn Chou (132) wissen lassen. Er möge sich keine Sorgen machen, wir werden nicht gefoltert. Auf der Polizei und im Gefängnis wurde ich gefragt, wo Herr Chou sich aufhalte. Woher sollte ich das wohl wissen? Beunruhigt euch meinetwegen nicht. Ich wünsche gute Gesundheit.

24. Januar
Chao Shao-hsiung

Auf der Rückseite des Blattes stand:

Wir brauchen zwei oder drei Blechschüsseln zum Essen. Wenn ein Besuch nicht gestattet wird, gebt sie für Chao Shao-hsiung ab.

Jou Shih hatte sich gar nicht geändert. Er lernte noch eifriger als bisher die deutsche Sprache und war weiter um mich besorgt, wie er es auf unseren Spaziergängen gewesen war. An einer Stelle ist ihm in dem Brief ein Fehler unterlaufen. Es war nicht das erste Mal, dass politischen Häftlingen Handfesseln angelegt wurden. Jou Shih dachte nur immer zu gut von den Behörden, als ob sie sich bisher aufgeklärt gezeigt hätten und jetzt nur gegen ihn rigoros vorgingen. Die Dinge lagen in Wirklichkeit ganz anders. Wie ich erwartete, trug sein zweiter Brief bereits ein anderes Gesicht. Niedergeschlagen teilte er darin mit, dass Feng K’eng ein völlig verschwollenes Gesicht habe. – Ich bedaure sehr, dass ich nicht auch den zweiten Brief abschrieb. – Immer mehr Gerüchte kamen auf. Es hieß, Jou Shih wäre bereits als Zeuge nach Nanking übergeführt worden. Aber keine Nachricht erwies sich als zutreffend. In wachsender Zahl gingen Briefe und Telegramme ein, in denen nach meinem Ergehen gefragt wurde. Meine Mutter in Peking erkrankte infolge der vielen Aufregungen, und ich musste ihr Brief auf Brief zukommen lassen, um ihre Befürchtungen zu zerstreuen. In dieser Unruhe verstrichen gut zwanzig Tage. Es wurde immer kälter. Ob Jou Shih wohl eine Decke hatte? Wir hatten welche. Und ob er die Blechnäpfe zum Essen erhalten hatte? Unerwartet kam eine zuverlässige Nachricht: Jou Shih und zweiundzwanzig andere Gefangene waren in der Nacht vom 7. zum 8. Februar in der Kommandantur Lung-Hua erschossen worden! Zehn Kugeln hatten ihn getroffen.

Es war eine dunkle Nacht. Ich ging auf den Hotelhof, der mit allem möglichen Gerümpel vollgestellt war. Alles lag in tiefem Schlaf. Auch Frau und Kind schliefen. Ich war niedergeschlagen. Ich wusste, dass ich mir eng verbundene Freunde und China hoffnungsvolle junge Männer verloren hatte. Nur eine vieljährige Gewohnheit gab mir die Kraft, mich zu beherrschen und nachstehende Verszeilen zu dichten:

»Ich bin es gewohnt, bis zum Morgengrauen
die Nacht ohne Schlaf zu verbringen.
Doch jetzt bin ich, welch Jammer, ein Vertriebener.
Schon zeigen sich graue Haare im Bart.
Immerfort glaube ich zu hören,
dass irgendwo eine Mutter weint.
Wieder ist diese Stadt mit den Fahnen des Tyrannen
verhangen wie mit einem Leichentuch…
Nein! Diesen Tod meiner heldenhaften Freunde
vermag ich nicht schweigend hinzunehmen,
und wie eine Waffe, sie im Kampf zu schwingen,
suche ich aufgebracht drohende Verse.
Doch mein Ringen ist vergebens wie ehedem,
in der Presse ist für Gedichte kein Platz.
Der Mond ist aufgegangen, und sein Licht
ergießt sich wie Wasser über die Kleidung.«

Die letzten zwei Zeilen blieben nicht in meinem Gedächtnis haften. Aber ich brachte das Gedicht ohne sie zu Papier und übergab es einem japanischen Sänger.

Damals gab es in China wirklich keinen einzigen Platz, an dem man hätte schreiben können. Alles war luftdicht verschlossen wie eine Konservenbüchse.

Ich erinnere mich, dass Jou Shih gegen Ende des letzten Jahres in seine Heimat reiste und dort ziemlich lange verweilte. Bei seiner Rückkehr nach Schanghai machten ihm die Freunde wegen seines langen Ausbleibens Vorwürfe. Sehr bedrückt klagte er mir, dass es ihm unmöglich gewesen sei, irgendwo hinzufahren; seine Mutter sei blind und habe ihn gebeten, länger bei ihr zu bleiben. Ich konnte die Liebe im Herzen der Mutter und des Sohnes nachempfinden.

Ich hatte mir vorgenommen, für die erste Nummer der Zeitschrift Die große Bärin, dem Organ der »Liga linker Schriftsteller«, einen Artikel über Jou Shih zu schreiben. Aber das stellte sich als unmöglich heraus. Ich konnte lediglich den Holzschnitt ›Opfer‹ von Käthe Kollwitz bringen – eine Mutter trennt sich schmerzerfüllt von ihrem Sohn. Und nur ich wusste, dass er ein Gedenken an Jou Shih bedeutete.

Die übrigen hingemordeten Schriftsteller waren mir nur wenig bekannt. Mit Li Wei-sen war ich niemals zusammengetroffen. Hu Yeh-p’in (133) hatte ich einmal in Schanghai getroffen und einige inhaltslose Worte mit ihm gewechselt. Pai Mang, also Yin-fu, hatte ich näher kennengelernt, da er eine Zeitlang mit mir in Briefwechsel gestanden und mir seine Manuskripte zur Durchsicht gegeben hatte. Ich konnte davon keine bei mir finden. Wahrscheinlich hatte ich auch sie alle in jener Nacht zum 17. Januar verbrannt. Damals wusste ich nicht, dass Pai Mang verhaftet war. Ich habe nur noch den Band Gedichte von Petöfi. Als ich gelegentlich einmal darin blätterte, entdeckte ich vier, mit der Feder geschriebene Zeilen, die Übersetzung eines Mottos:

»Ich opfere gern für Liebe
mein armes Leben,
jedoch für Freiheit will ich
die Liebe geben.«

Auf der zweiten Seite stand ein Name – Hsü Pai-keng, ich hielt ihn für seinen Dichternamen.

5

Vor zwei Jahren verbarg ich mich an diesem Tag in einem Hotel. Vor einem Jahr flüchtete ich mich an diesem Tag in die britische Konzession. Die Artillerie feuerte, und sie lagen schon längst unter der Erde – niemand weiß, wo. Und erst in diesem Jahr sitze ich an diesem Tag wieder in meiner alten Wohnung. Alles ringsum liegt in tiefem Schlaf. Auch Frau und Kind schlafen. Ich bin niedergeschlagen. Ich weiß, dass ich mir eng verbundene Freunde und China hoffnungsvolle junge Männer verlor. Ich gebe mich der Trauer hin, und nur eine vieljährige Gewohnheit gibt mir die Kraft, mich zu beherrschen und all das niederzuschreiben. Schreiben? Auch heute gibt es in China wirklich noch keinen einzigen Platz, an dem man schreiben könnte. In meiner Jugend wunderte ich mich über Hsiang Tzu ch’i (134), der nur wenige Verse für seine Ode ›Gedanken über alte Zeiten‹ schrieb und danach schon verstummte. Jetzt aber verstehe ich alles.

Nicht die Jugend schreibt zum Gedenken an das Alter. Im Ablauf dreier Jahrzehnte haben meine eigenen Augen soviel Blut der Jugend gesehen, und es wird noch immer mehr vergossen – es überflutet mich, nimmt mir den Atem. Diese wenigen Sätze, die ich schreiben konnte, waren nur ein winziges Luftloch für mich, um einmal, wenn auch nur mit Mühe und stoßweise, aufzuatmen.

Ja – das ist das Leben. Die Nacht ist so lang, und der Weg ist so lang, dass es für mich besser ist, zu vergessen und zu schweigen. Doch ich weiß, dass auch ohne mich eine Zeit heraufziehen wird, in der man ihrer gedenken und von ihnen sprechen wird.

7./8. Februar 1933

124 7./8. Februar 1931.
125 Pai Mang (Pseudonym für Yin Fu, 1909-1931), kommunistischer Dichter, am 7./8. Februar 1931 von der Kuomintang ermordet.
126 Jou Shih (Pseudonym für Chao P’ing-fu, 1901-1931), revolutionärer Schriftsteller, seit 1930 Kommunist, mit der Schtriftstellerin Feng K’eng verheiratet (vgl. Anm. 130), in Schanghai mit Lu Hsün befreundet, mit dem zusammen er mehrere literarische Zeitschriften herausgab und an Übersetzungen neuerer sowjetischer Literatur arbeitete; Mitbegründer der »Liga linker Schriftsteller«, am 7./8. Februar von der Kuomintang erschossen.
127 Chao P’ing-fu, bürgerlicher Name von Jou Shih (vgl. Anm. 126); der Vorname P’ing-fu bedeutet, wörtlich übersetzt, friedliche Heimkehr.
128 Fang Hsiao-ju (1357-1402), Prosaautor, auf Grund seiner Opposition gegen den Kaiser zum Tode verurteilt; sein Name galt als Symbol für kompromisslose Aufrichtigkeit.
129 Oteiai (Koji Kukiya), japanischer Maler des 20. Jahrhunderts, von Yeh Ling-feng imitiert.
130 Feng K’eng (1907-1931), revolutionäre Schriftstellerin, seit 1929 Kommunistin, aktiv in der Frauenbefreiungsbewegung, mit Jou Shih (vgl. Anm. 126) verheiratet, am 7./8. Februar von der Kuomintang erschossen.
131 Yüeh Fei (1103-1141), General der Sung-Dynastie, wegen seines Widerstands gegen die Tataren hingerichtet, Held eines populären chinesischen Romans.
132 Chou (Shu-jen), bürgerlicher Name von Lu Hsün.
133 Li Wei-sen (1903-1931), Hu Yeh-p’in (1905-1931), kommunistische Schriftsteller, am 7./8. Februar von der Kuomintang erschossen.
134 Hsiang Tzu-ch’i, Schriftsteller des 3. Jahrhunderts n. Chr., schrieb einen kurzen Epitaph für seine zum Tode verurteilten Freunde.



Gukurahundi in Simbabwe

Ein Bericht über die Unruhen in den Provinzen Matabeleland und Midlands 1980-1988


Einleitung der Ausgabe von 2007 von Elinor Sisulu

"Das Böse triumphiert allein dadurch, dass gute Menschen nichts unternehmen." Edmund Burke, britischer Politiker und Staatsphilosoph des 18. Jahrhunderts

"Egal wo Ungerechtigkeit geschieht, sie ist immer und überall eine Bedrohung der Gerechtigkeit. Was immer einen direkt betrifft, betrifft indirekt alle." Martin Luther King Jr., afro-amerikanischer Bürgerrechtler

"Die Menschheit ist eine unteilbare Familie, und jeder von uns ist für die Vergehen des anderen verantwortlich. Ich kann mich von der boshaftesten Seele nicht loslösen." Mahatma Ghandi, indischer Freiheitskämpfer und Philosoph

Der Shona-Begriff "Gukurahundi" bedeutet übersetzt "der erste Regen, der die Spreu der letzten Ernte vorm Frühlingsregen wegwäscht" und wurde gemeinhin mit angenehmen Assoziationen verbunden. Für Farmer in wasserarmen Regionen gibt es kaum etwas Schöneres, als den Geruch des ersten Regens auf dem trockenen, staubigen Boden, als die Kühle und Frische der Luft danach und das Versprechen einer neuen, ertragreichen Erntesaison.

In den achtziger Jahren bekam der Ausdruck "Gukurahundi" eine völlig neue Bedeutung, als die berüchtigte, in Nordkorea ausgebildete, "Fünfte Brigade" tausende Menschen der simbabwischen Provinzen Matabeleland und Midlands ums Leben brachte. Sowohl die "Fünfte Brigade" als auch die folgende, von Chaos und Mord geprägte Zeit wurden "Gukurahundi" genannt. Deshalb ruft das Wort "Gukurahundi" seitdem nichts als negative Emotionen bei den Simbabwern hervor - Gleichgültigkeit, Scham, Verleugnung, Schrecken, bis hin zu bitterem Zorn und tief sitzenden Traumata - je nachdem, ob es sich um Opfer, Täter oder einen der Millionen Bürger handelt, die geschwiegen haben.

Als ich gefragt wurde, ob ich das Vorwort schreiben wolle, reagierte ich zuerst mit Ablehnung. "Welches Recht habe ich, eine solche Plattform geboten zu bekommen?", habe ich mich gefragt. "Sollte diese Ehre nicht einem der Überlebenden zukommen?" Doch dann rief ich mir eine Autorenkonferenz, die vor einigen Jahren stattgefunden hatte, ins Gedächtnis zurück. Dort hatte ich der Zeugenaussage von Yolande Mukagasana zugehört, einer ruandischen Frau, deren Ehemann und drei Kinder während des Völkermordes 1994 ermordet worden waren. In der Zeit nach der Katastrophe hatte Yolande daran gearbeitet, sich zu heilen und einen neuen Sinn in ihrem Leben zu finden, indem sie ruandische Waisenkinder betreute und zu schreiben begann. Yolandes Aussage hatte mich zutiefst erschüttert. Der Titel eines ihrer Bücher, "Die Wunden des Schweigens", kommt mir immer wieder ins Gedächtnis, wenn ich mich mit der Fähigkeit menschlicher Gesellschaften auseinandersetze, die schrecklichsten Menschenrechtsverletzungen - selbst wenn sie in ihrer Mitte stattfinden - einfach zu ignorieren. Nelson Mandela kommentierte diese Tendenz mit Bezug auf Ruanda: "Je lauter und durchdringender die Schreie der Verzweiflung - selbst wenn diese Verzweiflung eine halbe Million Tote in Ruanda zur Folge hat -, desto mehr scheinen sie den Instinkt in uns zu wecken, unsere Hände zu erheben, um mit ihnen unsere Augen und Ohren zu verschließen." ("In the Words of Nelson Mandela" von Jenny Crwys-Williams, Penguin 2004)

Es ist kein Zufall, dass der hier vorliegende Bericht den Titel "Das Schweigen brechen" trägt. In der Tat besteht eine seiner wichtigsten Absichten darin, das Wissen über dieses "Stück Geschichte" auch überregional zu verbreiten, denn außer denen, die es selbst erlebt haben, sind die Geschehnisse den meisten unbekannt. Die Berichte machen deutlich, dass einer der schmerzhaftesten Aspekte des "Gukurahundi"-Massakers das Nichtanerkennen des Elends von Opfern und Überlebenden war und ist. Noch immer leiden sie an den Wunden des Schweigens. Und wer ist für das Zufügen der Wunden verantwortlich? Die Täter haben natürlich ein begründetes Interesse daran, das Schweigen aufrecht zu erhalten. Aber was ist mit dem Rest von uns, die wir über all die Jahre unser Leben gelebt haben, als wäre nichts passiert? Sind wir nicht genauso verantwortlich für die Wunden des Schweigens, sowohl während der Zeit, in denen die schrecklichen Taten begangen wurden, als auch später? Viele von uns schweigen sogar heute noch.

Wenn ich diesen Bericht lese, überkommt mich wegen meines eigenen Schweigens ein Gefühl tiefer Scham. Es gibt viele Simbabwer, die sich damit entschuldigen würden, dass sie nichts wussten von dem, was passierte, und tatsächlich würden viele von ihnen die Wahrheit sprechen. Die vom Mugabe-Regime verhängten Notverordnungen begleitete eine komplette Medien-Sperre in den betroffenen Regionen. Über die Aktivitäten der Dissidenten wurde detailliert berichtet, aber die Operationen der Armee wurden von den Medien nicht thematisiert. Folglich blieb der Großteil des Volkes unwissend. Keine Entschuldigung aber haben diejenigen unter uns, die Familienangehörige in Matabeleland hatten. Gleich zu Beginn des Feldzugs der "Fünften Brigade" sickerte über Familien- und Gemeindenetzwerke durch, dass etwas Entsetzliches im Gange war. Als ich das Haus meiner Großeltern am Rande von Bulawayo besuchte, rief ich mir wieder die leiser werdenden Stimmen ins Gedächtnis, wenn es Gespräche über Verwandte gab, die gezwungen waren, mit nichts als den Kleidern, die sie am Leib trugen, vor dem Terror in die Stadt zu fliehen. Wir taten für sie, was wir konnten. Und schwiegen.

Als junge Beamtin in Harare war ich mir den Differenzen zwischen denen, die sich in flüsterndem Ton über die fürchterlichen Ereignisse, "Gukurahundi" genannt, unterhielten und denen, die so taten, als wäre nichts, durchaus bewusst. Ich erinnere mich an eine Unterhaltung, die so oder so ähnlich oft geführt wurde: "Weiß Mugabe, was hier los ist? Seine Leute geben ihm wahrscheinlich ein falsches Bild von dem, was hier passiert. Sonst würde er das nie erlauben!" Was für ein naiver, lächerlicher Glaube! Die "Fünfte Brigade" war keineswegs von der Kommandokette innerhalb der Armee abgegrenzt, sondern dem höchsten Amt des Landes unmittelbar unterstellt. Im Nachhinein gibt es keinen Zweifel, dass Robert Mugabe von den Ereignisse wusste und selbst Teil der Kampagne des Massenmordes in der Matabeleland-Provinz war.

Zu dieser Zeit waren viele von uns jedoch viel zu sehr in unseren großen Befreier verliebt, als dass wir uns erlaubt hätten, all den Beweisen für seine direkte Mitschuld ins Auge zu sehen. Die Simbabwer waren einfach noch nicht bereit, das Haar in der Suppe ihres eben erst gefundenen Friedens zu sehen. Die Regierung der ZANU PF hatte in den ersten Jahren viel Gutes getan, indem sie massiv in das Bildungs- und Gesundheitswesen investierte. Der schwarzen Mittelklasse war eine völlig neue Welt an Möglichkeiten eröffnet und den schwarzen Kleinbauern erstmalig der Zugang zu Krediten und Weiterbildung ermöglicht worden. Sie machten das Beste aus ihren neuen Möglichkeiten und steigerten die Agrarproduktion in den ersten Jahren der Unabhängigkeit beträchtlich.

Die Augen und Ohren der internationalen Gemeinschaft waren ebenfalls geschlossen. Im Gegensatz zu dem Propaganda-Bild des radikal-marxistischen Führers war Robert Mugabe in den ersten Jahren seiner Amtszeit die Mäßigung in Person. Es gab keine Verstaatlichung der Industrie, und er wurde dafür gelobt, der weißen Bevölkerung eine Hand zur Versöhnung gereicht zu haben. Simbabwe war ein Problem, dass gelöst worden war, und niemand wollte die Büchse der Pandora öffnen. Die Schreie des Ndebele-Volkes stießen auf taube Ohren.

Während ich den Bericht nach all den Jahren lese, wundere ich mich über meine eigene Unwissenheit bezüglich einer Zeit, die ich zu kennen meinte. Die Geschichten von physischer und psychischer Folter, von Vergewaltigung und anderen Formen sexueller Gewalt, vom Verhungern der Bevölkerung, vom Verbrennen der Häuser und Kornspeicher, von Verschollenen, von Leichen, die Minenschächte hinuntergeworfen wurden und von Morden, sind alle geläufig und stimmen mit dem, was Familienangehörige mir beschrieben, überein. Dennoch brachte mich die Beschreibung der Massenerschießung von 62 jungen Männern und Frauen am Ufer des Flusses Cewale in Lupane am 5. März 1983 aus der Fassung. Das Schweigen, mit dem diesem Massaker begegnet wurde, steht in direktem Gegensatz zu dem Sharpeville-Massaker von 1960: Das waren Nachrichten, die die ganze Welt erschüttert hatten.

Die Operation "Gukurahundi" endete 1987 mit dem Einheitsvertrag zwischen der ZANU und der ZAPU. Indes wurde am Ende des Freiheitskampfes 1980 den Schuldigen eine Generalamnestie gewährt. Der Bericht vermerkt den wichtigen Fakt, dass die Verantwortlichen für die fürchterlichsten Vergehen an der unbewaffneten Zivilbevölkerung einmal mehr in der Geschichte Simbabwes nicht zur Verantwortung für ihre Taten gezogen worden waren, wodurch die in Simbabwe herrschende Kultur der Straflosigkeit noch gefestigt wurde. Die Menschrechtsverletzungen seit 2000 sind ein Ergebnis eben dieser Kultur des ungestraften Davonkommens. Die gleichen Mittel - Einschüchterung, physische und psychische Folter und Mord - wurden auch bei den jüngsten Verstößen angewendet, wenngleich in geringerem Ausmaß. Der Unterschied ist nur, dass diese nicht an einer bestimmten ethnischen Gruppe begangen wurden, sondern an Oppositionsmitgliedern im ganzen Land.

Die "Murambatsvina"-Kampagne im Jahr 2005, während der die Regierung Polizei und Armeeeinheiten einsetzte, um die Häuser und Geschäfte der Menschen in den städtischen Gebieten des Landes dem Boden gleichzumachen, ist eine Art Echo von "Gukurahundi". Einmal mehr wird die Symbolik der Reinigung verwendet. "Murambatsvina" bedeutet wörtlich: den Schmutz beseitigen. Einmal mehr werden Menschen in Begriffen definiert, die ihre Entfernung rechtfertigen sollen, so wie die Ndebele die "Spreu" waren, die von dem frühen Regen weggewaschen werden sollte. Armutsgeplagte Volksmassen in den Städten werden von dem Polizeichef Augustine Chihuri als "massenweise dahinkriechende Maden" bezeichnet, die darauf aus seien, "die Wirtschaft zu zerstören".

Einige Überlebende von "Gukurahundi" haben bezüglich des Aufruhrs um die "Operation Murambatsvina" zynisch reagiert. Sie bemerkten, dass "Murambatsvina", verglichen mit "Gukurahundi", "absolut gar nichts sei" und dass sie (die Shona) nur so viel Aufsehen darum machten, weil sie selbst davon betroffen seien. Als es ihnen jedoch so ergangen war, hätten jene nichts gesagt. Das erinnert mich an eine prophetische Bemerkung des deutschen antifaschistischen Theologen Martin Niemöller von 1945: "Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist. Als sie die Juden einsperrten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Jude. Als sie die Katholiken holten, habe ich geschwiegen; ich war ja Protestant. Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte."

"Gukurahundi" ist weit davon entfernt, ein abgeschlossenes Kapitel zu sein und hat eine schwärende Wunde in der Seele der Simbabwer hinterlassen. Der Priester Michael Lapsley, Anti-Apartheid-Aktivist und Überlebender von Bombardierungen, drückte es so aus: "Das Gift der Verletzungen, das den Simbabwern über viele Generationen hinweg zugefügt worden ist, infiziert weiterhin die Gegenwart." (Kommentar einer Präsentation des Symposions über Zivilgesellschaft und Gerechtigkeit in Simbabwe, August 1983) Die Simbabwer äußern ihre Meinung frei und zwingen die Führer der ZANU PF zu antworten, obwohl diese hoffen, die Diskussion begraben zu können. Bisher ist Robert Mugabe einer Entschuldigung am nächsten gekommen, als er "Gukurahundi" als einen "Moment des Wahnsinns" beschrieb, der nie wiederholt werden sollte. Wahrlich, ein langer Moment.

Der altgediente Führer der ZANU PF, Nathan Shamuyarira, sagte kürzlich, er bereue die Operation von damals nicht, weil es unerlässlich gewesen sei, um mit den Dissidenten in der Provinz Matabeleland fertig zu werden. Solche Aussagen unterstreichen die Notwendigkeit dieses Berichts. Es ist äußerst wichtig für die Heilung des simbabwischen Volkes, auf etwas wie eine stärkende Gerechtigkeit hinzuarbeiten. Ein guter Anfang wäre, den Familien aller Verschollenen Totenscheine auszustellen. Es ist unbedingt erforderlich, dass alle Simbabwer diesen Bericht lesen und nicht nur den Kummer und das Trauma ihrer Landsleute begreifen und anerkennen, sondern auch die Gewalt der vergangenen fünf Jahre verstehen.

Der Priester Michael Lapsley bemerkte: "Immer wenn wir mit uns etwas tun lassen, sind wir die Opfer. Wenn wir physisch überleben, sind wir Überlebende. Traurigerweise reisen viele niemals weiter und bleiben Gefangene vergangener Momente - psychisch, emotional und spirituell. Um Sieger zu werden, muss man sich davon entfernen, nur das Objekt der Geschichte zu sein, um wieder zum Subjekt zu werden." Es ist höchste Zeit, dass die Überlebenden von "Gukurahundi" zu Subjekten ihrer Geschichte werden, indem ihre Geschichten anerkannt werden.

Dieser Bericht ist nicht nur für die Simbabwer wichtig, sondern auch für andere in der Region. Besonders für Südafrika, das Land, in dem die größte Anzahl der simbabwischen Diaspora lebt. Zum Thema Ruanda äußerte sich der südafrikanische Präsident Thabo Mbeki folgendermaßen: "Eine Zeit wie diese erfordert, dass die Wahrheit gesprochen wird, die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit. Sie muss gesprochen werden, weil sonst die Grundlage dafür geschaffen wird, dass diese Verbrechen wieder begangen werden." In der selben Rede erklärt er: "Weil wir damit beschäftigt waren, uns von unserem eigenen Albtraum zu befreien, haben wir nicht so laut gegen die gewaltigen und abscheulichen Verbrechen an den Menschen Ruandas im Jahr 1994 protestiert, wie wir es hätten tun müssen. Dafür schulden wir dem ruandischen Volk eine ernsthafte Entschuldigung, die ich hiermit in Demut und voller Aufrichtigkeit übermitteln möchte." (Äußerung des südafrikanischen Präsidenten, Thabo Mbeki, im Rahmen der Gedenkveranstaltung zum 10. Jahrestag des Beginns des Völkermordes von 1994 in Ruanda, Kigali, am 7. April 2004).

Diese Aussage könnte ebenso leicht auf "Gukurahundi" zutreffen. Die Wahrheit muss ausgesprochen werden, "weil sonst die Grundlage dafür geschaffen wird, dass diese Verbrechen wieder begangen werden." Das Schweigen muss gebrochen werden. Hoffentlich werden die Führer dieser Region, die nicht so laut gegen die gewaltigen und abscheulichen Verbrechen am simbabwischen Volk in den vergangenen 23 Jahren protestiert haben, wie sie es hätten tun müssen, einsehen, dass diese Entschuldigung auch gegenüber dem simbabwischen Volk angebracht ist.